Der Moment zwischen „Ich kann das“ und „wirklich angekommen sein“

Über Rollenwechsel, innere Sicherheit und die Zeit dazwischen

Über Rollenwechsel, innere Sicherheit und die Zeit dazwischen

Seit ich selbst coache, ist mir etwas aufgefallen. Ein Gefühl, das ich aus eigener Erfahrung kenne, begegne ich immer wieder auch bei anderen – oft in Phasen von Rollenwechseln oder neuen beruflichen Kontexten.

Menschen sind sich ihrer Fachexpertise bewusst. Sie haben sie über längere Zeit aufgebaut und erfolgreich eingesetzt. In einem neuen Kontext übernehmen sie Verantwortung, treffen Entscheidungen, liefern Ergebnisse. Von außen erhalten sie dafür Anerkennung: „Du bist sehr professionell.“ „Du bist richtig gut in dem, was du machst.“ „Toll, dich an Bord zu haben.“

Und trotzdem fragen sie sich innerlich: Passt das wirklich?

Nicht im Sinne von „Kann ich das?“, sondern: Reicht das, was ich hier einbringen kann – für diese spezielle Rolle, für mögliche Erwartungshaltungen und vor allem auch über längere Zeit?

Dieser Zustand hat mich neugierig gemacht. Weil ich ihm in meiner Arbeit immer wieder begegne und er sich über unterschiedliche Rollen und Kontexte hinweg zeigt. Für mich war das ein Anlass, genauer hinzuschauen, was in solchen Momenten eigentlich passiert.

Gerade bei Rollen- oder Unternehmenswechseln verschiebt sich der Bewertungsrahmen. Das, was im bisherigen Umfeld als Stärke galt, wird plötzlich neu interpretiert. Die Maßstäbe sind andere, die Referenzpunkte unbekannt. Man weiß, was man kann – aber noch nicht, wie genau dieses Können hier bewertet wird.

Auch aus organisationspsychologischer Sicht ist das ein bekannter Prozess: Menschen wachsen häufig schneller in neue Aufgaben hinein, als sie sich innerlich mit der neuen Rolle identifizieren. Funktional ist vieles schnell da – innerlich braucht es oft einfach mehr Zeit. Für mich ist das kein Zeichen von Unsicherheit, sondern ein ganz normaler Prozess von Einordnung und Orientierung.

Wichtig ist mir hierbei eine klare Abgrenzung zum Imposter-Syndrom. Es geht nicht um das Gefühl, etwas vorzutäuschen oder den eigenen Erfolg dem Zufall zuzuschreiben. Die Frage ist eine andere: ob das, was man einbringt, in diesem Kontext wirklich so passt, wie es von außen gerade scheint.

Trotzdem wird dieser Zwischenraum häufig fehlinterpretiert. Als Zeichen dafür, noch nicht so weit zu sein. Dass die Rolle vielleicht doch nicht passt. Oder dass man eigentlich souveräner auftreten müsste. Nicht selten entsteht daraus ein innerer Druck, noch mehr liefern zu müssen, noch mehr zeigen zu müssen – obwohl man bereits viel gibt, manchmal sogar das eigene Maximum.

Was ich dabei immer wieder beobachte: Die zwei Ebenen synchronisieren sich nicht automatisch – die funktionale Ebene des Könnens und die innere Ebene der Identifikation.

Manchmal ist man der Rolle faktisch schneller gewachsen, als man sich innerlich in dieser Rolle sicher fühlt. Was dieser Zustand braucht, ist selten eine Entscheidung oder Optimierung. Häufig braucht er Zeit. Wiederholung. Und die Erfahrung, dass äußere Rückmeldungen und die eigene Wahrnehmung mit der Zeit zueinander passen.

Vielleicht ist dieser Moment also kein Hinweis darauf, dass etwas nicht passt. Sondern Teil eines Übergangs, in dem fachliche Sicherheit bereits da ist und innere Sicherheit erst entsteht. Weil es Zeit braucht, innerlich in einer Rolle anzukommen.

 
 
 
 

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